Stopp!

Gelingt es Fachkräften so klar und eindeutig sich zu stoppen, wie es das Schild im Straßenverkehr gebietet?

Anzuhalten.

Still zu stehen.

Rechts und links zu schauen.

Vielleicht ein-, zweimal tief durchzuatmen.

Und erst wenn die Situation frei von Hindernissen ist, fortzufahren.

Welch Gewinn könnte es sein, sich öfter in dieser Weise zu stoppen.  Ein Gewinn für die Fachkräfte und die ihnen anvertrauten Kinder.  Für den Frieden für und zwischen beiden.

In einer Fortbildung berichtet eine Erzieherin von einem Kind, dass haute und spuckte und nicht zu bremsen war. Vergeblich versuchte sie den Jungen zu beruhigen. Er war so wütend und weigerte sich, die Verantwortung für seine Wut zu übernehmen und sich zu entschuldigen. Niemals, verkündete der Fünfjährige. Entsetzt berichtete die Kollegin von dem Kind. „Wie finde ich nur Zugang zu ihm? Kann ihn stoppen?“ Sie erzählt, wie die Geschichte anfing: Mit einem Spiel zwischen zwei Kindern. Im Reden wird ihr bewusst: Ein Erwachsener hatte sich ungefragt eingemischt. Natürlich in bester Absicht. Wollte helfen. Der Junge jedoch fühlte sich gestört. Er wollte Selbstbestimmung, wollte sie so sehr, dass jede der folgenden Interventionen ihn noch mehr auf die Palme brachte. Ein verhängnisvoller Kreislauf nahm seinen Lauf. Und es wäre so leicht gewesen: Mit einem Stopp und einer Unterbrechung zwischen Auslöser und Handlung. Dann wäre es vielleicht möglich gewesen, die Anliegen beider Seiten zu sehen und zu einer Verständigung zu kommen.  Wie sagte Viktor Frankl: „Zwischen Reiz und Reaktion gibt es einen Raum. In diesem Raum haben wir die Freiheit und die Macht, unsere Reaktion zu wählen. In unserer Reaktion liegen unser Wachstum und unsere Freiheit.“

Gegenwärtig ist Gewalt von pädagogischen Fachkräften gegen Kinder in aller Munde. Und ich finde: Auch hier hilft es, uns zu stoppen. Mit welchem Mitteln treten wir für das Recht auf gewaltfreie Erziehung von Kindern ein? Es ist dringend notwendig, gewaltvolle, grenzverletzende, beschämende Handlungen und Haltung zu unterbinden. Jedoch in beide Richtung. In Richtung des Kindes, wie der Fachkraft, die hier übergriffig agiert. Welche Dynamik entwickelt sich sonst in KiTa-Teams, auch in bester Absicht? Um für Gewaltfreiheit einzutreten genügt es nicht, mit dem Finger auf die Fachkräfte in ihrem Versagen zu zeigen. Gewaltfreiheit heißt eben nicht nur die Gewalt zu unterbinden. Vielmehr ist es notwendig, kraftvoll und kreativ das Gegenüber zur Einsicht zu bringen und es dazu zu bewegen, sein Fehlverhalten zu lassen. Deshalb braucht Gewaltfreiheit Mut und Entschlossenheit und Mitgefühl und ein starkes Herz von jenen, die dafür eintreten. Ich wünsche, wir sind viele und werden immer mehr. Im Interesse der Kinder und der Fachkräfte.